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Überlegungen zum Selbstverständnis der Kirche in unserer Zeit

von Klaus Hemmerle

Wir sollen uns keine geschnitzten Bilder machen, um dieselben anzubeten. Ich habe immer Angst, wenn man so genau weiß, wie die Kirche von morgen aussehen wird. Denn ich glaube, es ist sehr wichtig und sehr gut, dass wir den gegenwärtigen Augenblick leben und jetzt Kirche sind.

Aber ich meine, dass, indem wie wir jetzt ganz Kirche leben können und indem wir jetzt dem, was schon war, dem begegnen wie Kirche ist, doch auch einiges ganz Entscheidendes für die Kirche von morgen sehen. Für mich gibt es nur eine fundamentale Antwort und nur die kann ich sich entfalten sehen. Wir werden sein: die Kirche des verlassenen Gottes; wir werden sein: die Kirche des Gottes in der Mitte. Ich glaube, dies ist die Zukunftsperspektive.

Die Kirche des verlassenen Gottes

Das ist tatsächlich das Bewegende unserer Epoche, dass es so sehr die Epoche des verlassenen Gottes ist, wie nie zuvor. Wenn ich mich frage, was die erschütterndsten Erfahrungen sind, die mir auch in meinem Dienst in der Kirche in dem Land, in dem ich lebe, begegnen, dann ist das Tiefste und Erschütterndste eine merkwürdige Not: Menschen, die eigentlich erkennen, dass Gott etwas Großes wäre, Menschen, die erkennen, dass am Evangelium etwas ist und die einfach sagen: Ich kann nicht. Menschen, die den Eindruck haben: Ich kann nicht bei ihm bleiben. Die ihr Wort nicht durchtragen können, die sagen: Ich kann mich nicht für ein ganzes Leben an ihn binden. Ich kann nicht im Ganzen da sein, und die sogar mit einer gewissen Traurigkeit ihn verlassen.

Oder ich sehe Menschen, die einfach die Fremde Gottes so ungeheuerlich erfahren, dass sie im Grunde nicht wissen, was sie mit diesem Gott anfangen sollen. Ich sehe den verlassenen Gott, ich sehe eine Welt, die sich selber durchkonstruiert hat, in der der Mensch aus seinem Ego alles, was er kann, herausgerechnet und herausgepresst hat.

Erfahrung existentieller Einsamkeit

Aber wie ist nun diese Welt? Am Ende ist es der Mensch, der so zu sich spricht, wie eines der merkwürdigsten Bilder des verlassenen Gottes es sagt – und dieses merkwürdigste Bild des verlassenen Gottes begegnet uns ausgerechnet in Kants Kritik der reinen Vernunft, wo er sein Gottesbild hat, nämlich des absolut Seienden, des Philosophen-Gottes, der dann aber zu sich sagt – wie merkwürdig! – dieser Gott sagt zu sich: „Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit. Alles ist von mir. Alles ist durch mich. Nichts ist ausserhalb von mir, aber woher bin denn ich selbst?“.

Er erschrickt vor seiner eigenen Einsamkeit. Er scheint von sich selbst verlassen und sich selber nicht mehr zu verstehen.

Dieser Gott spiegelt sich im Menschen, der sich nicht mehr sieht und nicht mehr verstanden wird. Ich glaube von daher, dass die Liebe des Gottes, der seine eigene Verlassenheit in Jesus Christus angenommen und umarmt hat, des Gottes, der zu seiner eigenen Verlassenheit Ja gesagt hat, der seine eigene Verlassenheit ausgedrückt hat und der sie in jenes Unendliche der Liebe des Sohnes zum Vater hineinnahm, in diesen absoluten Gehorsam, so dass dies die Achse der Kirche ist.

Kirche gegen den Strom

Ich meine, dass wir Kirche gegen den Strom sein werden. Nicht jene Kirche, die sich zusammen träumt, wie sie die tolle Macherin einer neuen Zukunft ist, sondern zunächst einmal die Kirche, die nichts anderes tut, als bei diesem Gott bleiben, diesen verlassenen Gott lieben, diesem verlassenen Gott nicht ausweichen, sondern ihn durchtragen. Nicht in der Enge eines Ghetto: Wir sind die trotzigen Aufrechten, sondern in jener Treue zu ihm, die gerade rätselhaft Nähe zum Menschen ist, in dem Gott verlassen ist. Das ist es doch, was wir erleben, wenn wir mit dem verlassenen Christus leben. Wir schließen unsere Augen gerade nicht vor allen Schrecknissen, vor allen Abwesenheiten Gottes, vor allem, was nicht schön und nicht gut und nicht heil ist; wir halten es aus, aber nicht weil wir es können, sondern weil wir glauben, dass dort schon er war und dort ist. Und so wird die Treue zu ihm, die nichts aufgibt, gerade zur Treue zum Menschen und zur Nähe zum Menschen und zum Ort des Dialogs. […]

Ich stelle immer wieder fest, dass ich in einem Punkt mich schwer verständlich machen kann, – jetzt nicht mich als Person, sondern in der Position, die ich einzunehmen habe. Ich höre immer wieder sagen: Verrückt, so gut können Sie das verstehen, so nah sind Sie bei dem, was uns bedrückt und bedrängt, aber wie können Sie alles das durchtragen, was die Kirche zu Glaube und Moral und Sitten sagt? Wie können Sie diese verrückte Treue zur Kirche auch dort, wo sie unbequem und gegen den Strom ist, mit dieser Offenheit und diesem Verstehen für den Menschen und mit diesem Dialog verbinden?

Treue und Offenheit

Ich meine, dass genau das der Ort der Kirche ist. Ich glaube, dass die Kirche von morgen eine sehr, sehr treue Kirche sein wird. Eine Kirche, in der wir nicht abwägen, wie viel Prozent von bisheriger Lehre kann der Mensch von heute verstehen und wie viel nicht. Verschweigen wir nett das andere! Wie viel von bisheriger Moral kann er halten, wie viel nicht? Wie viel können wir wegstreichen, damit wir dann noch eine ermäßigte Moral haben? Wie können wir unter Umständen sozusagen das Ärgernis, das es hier und dort gibt, ein bisschen umschiffen und können die Sachen ein bisschen netter und etwas adretter und ein bisschen legerer machen, sodass man eigentlich nicht so ganz merkt, was man glaubt und was man hält und was man muss, so dass es keinem so ganz wehtut und keiner weggeht. Ich glaube, dass das nicht der Fall sein wird. Ich glaube, dass es vielmehr Kirche im Klartext sein wird. Das ist meine persönliche Überzeugung. Kirche wird in diesem Sinne eine harte, eine Kirche des unverständlichen Wortes, eine Kirche des Zeugnisses gegen den Strom sein und bleiben müssen. Es wird nicht bequemer, nicht plausibler, nicht selbstverständlicher, nicht harmloser werden, Christ zu sein. Ich glaube, dass die Härte des Evangeliums, ich glaube, dass die Provokation des verlassenen Gottes uns bleiben wird.

Aber ich glaube, dass wir gerade darin eine Kirche des Gespräches sein werden, eine Kirche des Hörens, eine Kirche, die ganz nah bei denen ist, die gar nicht nah sind – nicht im Sinn einer billigen Angleichung, nicht im Sinn eines Verschweigens und Paktierens, sondern in diesem Ernstnehmen des verlassenen Gottes, überall wo er verlassen ist, auf diese Weise der radikalen Liebe und des radikalen Eingehens. Ich glaube, dass dieses Paradox der Einheit mit dem verlassenen Gott, der Liebe zum verlassenen Gott, zugleich äußerste Strenge des provokatorisch-christlichen Maßstabes und äußerstes Verstehen und äußerste Bereitschaft zum Dialog und zum Sein bei dem, der ferne ist, darstellt.

Ich glaube, dass diese Kirche des verlassenen Gottes die Kirche der Zukunft sein wird. Ob das dann vollere Kirchen gibt oder leerere, das wird sehr unterschiedlich sein. Es gibt vielleicht Gegenden, in denen das zu den volleren Kirchen führt, und ich freue mich darüber. Ich habe vollere Kirchen lieber als leere, aber ich bin mir nicht sicher. Das ist für mich auch nicht die erste Frage. Denn nicht wie ich, auf welchem Wege ich Leute in die Kirche bekomme, ist das Entscheidende, sondern dass ich den verlassenen Gott nicht verlasse, sondern seine Verlassenheit teile und ihn liebe, weil nicht ich die Pastoral mache, sondern Gott.

Ich glaube, das ist der eine fundamentale Aspekt: eine härtere Kirche und eine unendlich offene Kirche, eine weichere Kirche und eine härtere zugleich, eine offene Kirche und eine klare Kirche, eine Kirche ganz in der Mitte und eine Kirche ganz am Rand, die Kirche des verlassenen Gottes.

Quelle: K. Hemmerle, Grundstrukturen der Kirche, in P. Wezel (ed.), Eine Botschaft an unsere Zeit. Festakademie zum 40jährigen Bestehen des Werkes Mariens, Berlin 1984.