1/19 - Wahrhaftig leben

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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser!

Willkommen im Kreis der prisma-Leserschaft an Sie, die Sie erfreulicherweise neu hinzugekommen sind; sei es durch ein neues Abonnement, sei es dadurch, dass Sie als bisherige Bezieher von Charismen dazugestoßen sind. Als Frucht längerer Überlegungen und im Suchen nach möglichst optimaler Erfüllung des Auftrags, der hinter beiden Zeitschriften steht – qualitätsvolle Beiträge zu Pastoral, Spiritualität und Theologie im Geist des Charismas der Einheit zur Verfügung zu stellen – wurde die Zusammenführung beschlossen. Die vorliegende Ausgabe von das prisma ist die erste Nummer in dieser noch größeren Weite, in welcher nun auch die Charismen der Ordensgemeinschaften verstärkt präsent sein wollen. Neu ist überdies, dass wir einen ersten Schritt in die Online-Präsenz von das prisma gemacht haben. Dabei kommt uns die Gründung vom Klaus-Hemmerle-Forum (www.kh-forum.org) zugute. Diese Plattform für verschiedene Angebote in den Bereichen Theologie, Spiritualität und Pastoral entspricht von der Ausrichtung und vom Geist her unserer Zeitschrift, und so können gegenseitig Synergien erzeugt werden. Auf der entsprechenden Internetseite finden Sie von jeder Prisma-Ausgabe ab dem Jahr 2018 das Editorial sowie das Inhaltsverzeichnis. Angedacht ist, dass zukünftig ausgewählte Beiträge älterer Nummern als Volltext online zur Verfügung gestellt werden. Ein Blick auf die Homepage https://www.kh-forum.org/prisma lohnt sich. Diese Internetseite eignet sich außerdem gut, um unsere Zeitschrift möglichen Interessentinnen und Interessenten bekannt zu machen. Inhaltlich beschäftigt sich diese Ausgabe mit einem in der Menschheitsgeschichte stets aktuellen Thema, das in unseren Tagen jedoch an Brisanz gewonnen hat. Im von der Soziologie als postfaktisch charakterisierten Zeitalter von Fake News oder alternativen Fakten und deren gezielter Verwendung reicht es nicht, diese bloß anzuprangern. Es gilt vielmehr, gründlicher hinzusehen und sich ernsthaft mit Ursachen, Dynamiken, Folgewirkungen und den geistigen Aspekten des Phänomens auseinanderzusetzen. Dabei stößt man auf Fragen nach der Wahrheit selbst, auf die Wahrheitsfähigkeit des Menschen bzw. auf deren Kehrseite, wie die Versuchbarkeit zur Unwahrheit, Teilwahrheit, Täuschung bis hin zur Lüge und zur bewussten Verdrehung oder auch Leugnung der Wahrheit. Wie kann Wahrhaftigkeit als positiver Wert in allen Bereichen begründet, verstanden, als befreiend erfahren und gelebt werden? In seiner diesjährigen Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel begründet Papst Franziskus den Wert von Wahrheit und Wahrhaftigkeit mit dem paulinischen Bild vom einen Leib und den vielen Gliedern (1 Kor 12). Er schreibt: „Als-Glieder-miteinander-verbunden-sein ist die tiefe Motivation, mit der der Apostel uns auffordert, die Lüge abzulegen und die Wahrheit zu sagen: Die Verpflichtung zur Bewahrung der Wahrheit ergibt sich aus der Notwendigkeit, das gegenseitige Gemeinschaftsverhältnis nicht zu leugnen. Tatsächlich offenbart sich die Wahrheit in der Gemeinschaft. Die Lüge hingegen besteht in der egoistischen Weigerung, die eigene Zugehörigkeit zum Leib anzuerkennen und in der Weigerung, sich anderen hinzugeben, womit man jedoch auch den einzigen Weg der Selbstfindung verliert.“
Beiträge zur Thematik bietet diese Ausgabe, wobei vielfältige Aspekte in den Blick kommen. Zeigt der Bischof und Exeget Joachim Wanke anhand von Paulus die Tiefendimension der Wahrhaftigkeit auf, so wählt der Dogmatiker Bernhard Körner einen systematischen Zugang zum Zusammenhang von Wahrheit und Wahrhaftigkeit und darin auch zur Problematik des Relativismus in Bezug auf die Wahrheitsfrage. Felix Geyer, Sozialethiker in München, stellt im Blick auf den Wahrheitsbegriff den Pragmatismus vor. Der Redemptorist P. Hans Schalk zeigt auf, wie Geistliche Begleitung und Beichte ein Lernfeld sind, um stimmig vor Gott und vor anderen zu leben. Wilfried Hagemann stellt die Frage nach der Gewissensbildung in den Fokus seiner Überlegungen. Er erinnert dabei an das Zweite Vatikanum, das die Gewissensfreiheit des Einzelnen unterstreicht und im Gewissen die Stimme Gottes verortet. Das Ehepaar Tonja und Bernhard Deister stellt in einem gemeinsamen Beitrag zur „Echtheit als Basis lebendiger und heilsamer Beziehung“ den personzentrierten Ansatz Carl Rogers vor. Die Echtheit einer Person setze in gelebten Beziehungen Kräfte frei, die heilsam wirken. Wie die Radikalität der Nachfolge Christi zur Wahrhaftigkeit führt, diese Nachfolge aber auch ein öffentliches Einstehen für die Wahrheit erfordert, beschreibt Bernd Aretz anhand der Schriften von Dietrich Bonhoeffer. Erst im Abstand zur Timeline des Internets können wir die eigentliche Echtzeit neu entdecken: das Leben und die Welt. So die Überzeugung von Thomas Binotto, Redakteur, Publizist und Autor aus Schaffhausen. Stefan Signer, Pfarrer aus Freienbach, stellt die Märtyrer von Algerien, die am 8. Dezember 2018 seliggesprochen wurden, als Zeugen und Zeuginnen echten christlichen Glaubens vor. Schließlich skizziert Thorsten Schmölzing, Pfarrer der Gemeinde St. Gudula in Rhede, den Prozess der Aufarbeitung sexueller Gewalt durch Kleriker am Beispiel einer Pfarrei im Bistum Münster und beschreibt, wie dabei durch den Versuch, sich der Wahrheit ehrlich zu stellen, eine Dynamik der Befreiung in Gang gesetzt werden konnte. Möge diese Ausgabe von das prisma eine Ermutigung zur Wahrhaftigkeit sein!

Stefan Ulz

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