2/18 – Sehnsucht nach Mehr

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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Wer kennt sie nicht – die Sehnsucht?! Es gibt wohl niemanden, dem bzw. der die Erfahrung der Sehnsucht ganz fremd ist. Bisweilen mag sie in uns sehr leise oder scheinbar verstummt sein, manchmal ist sie dem Menschen selbst verborgen oder er hat sie unterdrückt, weil sie ihm unheimlich oder gar gefährlich schien. Wie auch immer: es gibt sie! Und sie ist eine Kraft, die etwas – sei es im Inneren des Menschen, sei es nach außen hin – in Bewegung bringt, was das Leben grundlegend verändern kann. Nelly Sachs, für deren literarisches Werk die Sehnsucht eines der zentralen Themen ist, schreibt sogar, dass alles mit der Sehnsucht beginne (vgl. Beitrag von Georg Langenhorst). Wer es der Sehnsucht erlaubt, in dem bringt sie etwas in Gang, der begnügt sich nicht länger mit dem Status quo, der macht sich auf die Suche nach mehr, nach einem Mehr, welches auch ihn zu suchen scheint bzw. von dem er zuinnerst hofft, dass es auch ihn sucht. Die Sehnsucht birgt eine transzendentale Dynamik in sich, die den Menschen über sich selbst hinausführt auf das Andere zu, auf die anderen, auf DEN ANDEREN. Sie trägt religiöses Potential in sich und wer ihr Raum gibt und ihr nicht nur oberflächlich folgt (etwa im Sinne einer raschen Befriedigung von – etwa durch Werbung gezielt geweckten – Bedürfnissen), sondern ihr ausreichend tief auf den Grund geht, den führt sie zu einem Mehr an Leben, an Sinnerfüllung, an Liebe; den führt sie letztlich zu Gott.

Eine Erzählung, die in der Sehnsucht nach Gott und im manchmal schwierigen Versuch Ihn zu lieben, Trost und Ermutigung sein kann, möge dies verdeutlichen: Ein junger Jude kommt zu einem Rabbi und sagt: „Ich möchte gerne Dein Jünger werden“. Da antwortete ihm der Rabbi: „Gut, das kannst Du, aber ich habe eine Bedingung. Du musst mir eine Frage beantworten. „Liebst Du Gott?“ Da wurde der Schüler nachdenklich: „Lieben? Das kann ich eigentlich nicht behaupten!“ Der Rabbi sagte freundlich: „Gut, wenn Du Gott nicht liebst, hast Du vielleicht Sehnsucht danach, ihn zu lieben?“ Der Schüler überlegte eine Weile und erklärte dann: „Manchmal spüre ich die Sehnsucht danach, Ihn zu lieben recht deutlich, aber meistens habe ich so vieles zu tun, dass diese Sehnsucht im Alltag untergeht!“ Da zögerte der Rabbi und meinte dann: „Wenn Du die Sehnsucht, Gott zu lieben, nicht so deutlich verspürst, hast Du dann Sehnsucht danach, Sehnsucht zu haben?“ Da hellte sich das Gesicht des Schülers auf: „Genau das habe ich. Ich sehne mich danach, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben!“ Der Rabbi entgegnete ihm darauf: „Das genügt, Du bist auf dem rechten Weg!“

Die vorliegende Ausgabe von das prisma erschließt das Thema der Sehnsucht nach Mehr aus unterschiedlichen Perspektiven und gibt einen profunden Einblick in diese so facettenreiche Wirklichkeit des Menschen. Beiträge von Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Disziplinen bereichern die Thematik mit ihrem je spezifischen Fachwissen, die einerseits jeweils für sich genommen wertvolle Impulse vermitteln und andererseits als unterschiedlich gefärbte Mosaiksteine im Zusammen aller Beiträge ein schönes Bild ergeben, in welchem ein „Mehr“ auch im Miteinander der Einzelbeiträge sichtbar wird. Dabei bekräftigen die erfahrungsbezogenen Artikel die theoretischen, wie diese ihrerseits die Erfahrungen in einem hellerem Licht erscheinen lassen.

Die beiden Bibelwissenschaftler, Tobias Häner (AT) und Philippe Van der Heede (NT) gehen auf Spurensuche nach der Sehnsucht des Menschen in der Heiligen Schrift. Häner hilft in seinem Beitrag, den Psalter als Buch der Sehnsucht zu entdecken, in welchem von unterschiedlichen Sehnsuchtsorten, Sehnsuchtsbildern, ja sogar von einem menschlichen Organ der Sehnsucht (Kehle) die Rede ist. Das Verlangen nach Gottesnähe ist dem menschlichen Herzen eingeschrieben, weil Gottesnähe Glück bedeutet. Van der Heede untersucht die Perikope vom reichen Mann, der Jesus nachfolgen möchte, unter der Perspektive des Mehr, das Jesus ihm schenken kann, wenn er nicht nur pflichtgemäß die Gebote erfüllt, sondern um Christi Willen und auf Gott vertrauend alles verlässt. Er zeigt auf, wie ein Übermaß in Form von materiellem Reichtum zu einem existentiellen Mangel an erfülltem Leben werden kann. Der Jesuitenpater und Experte für ignatianische Spiritualität Stefan Kiechle erläutert den für den hl. Ignatius von Loyola zentralen Begriff des Magis (Mehr) ausgehend von Gott, dem je Größeren, der jede irdische Kategorie von groß sprengt. Beim Mehr geht es nicht um eine – irdisch verstandene – quantitative Steigerung, sondern primär um eine qualitative. Der Autor beleuchtet u.a., wie das Magis als Kriterium für Entscheidungsfindung hilfreich sein kann.

Ein mit Ulrich Engel geführtes Interview sowie weitere spannende Beiträge bereichern das Panorama der Beschäftigung mit der Thematik. Das Spektrum der Artikel reicht von der Kraft in der Begegnung des Menschen mit einem Du, ausgehend von einigen Schriften von Martin Buber (Bernd Aretz), über die Sehnsucht des Menschen nach Gott in der Mystik (Tonja Deister), über das Sehnsuchtsmotiv in der Literatur, im Speziellen bei Ulla Hahn, Nelly Sachs und Hilde Domin (Georg Langenhorst), über Sehnsuchts-Bilder im Kino (Herbert Lauenroth), bis hin zur Auseinandersetzung mit dem christlichen Religionsphilosophen Peter Wust (Marc Röbel). Wie die Sehnsucht nach einem Mehr im Leben und wie ein solches Mehr in der eigenen Biografie erlebt wurde, machen die beiden Erfahrungsberichte von Leo Rüedi und Andreas Martin sichtbar, die auch für andere eine Ermutigung sein können, der Sehnsucht nach Gott großherzig nachzuspüren und folglich nachzugehen.

Schließlich: Hat nicht Gott uns diese Sehnsucht nach Mehr, die tiefe Sehnsucht nach Ihm und Seiner Liebe ins Herz gelegt? Ja – um die Blickrichtung umzudrehen – hat nicht auch Gott seinerseits Sehnsucht nach dem Menschen? Ist die Sehnsucht nach dem Du, nach der Liebe des bzw. der anderen nicht jeder Liebe eigen, folglich auch der Liebe Gottes? Zeigt nicht die Menschwerdung Gottes im kleinen und bedürftigen Kind Jesus, in einem von der menschlichen Liebe und Zuneigung abhängigen Menschen- und Gottessohn, dass Gott sich nach der Liebe des Menschen sehnt, dass der vollkommene Gott sich nicht selbst genügen wollte, sondern als Mensch gewissermaßen ein Mehr erfahren will, das er sich von uns als Seinem Du ersehnt?

Wenn der eine oder andere Beitrag in diesem Heft auch in Ihnen, liebe Leserin / lieber Leser, durch die Lektüre etwas von der eigenen Sehnsucht nach Mehr geweckt oder verstärkt hat, dann hat diese Nummer von das prisma auf jeden Fall einen Mehr-Wert.

Stefan Ulz

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