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Editorial

Erinnerung an Chiara Lubich zum 100sten Geburtstag

Runde Geburtstage und Jubiläen sind leicht in der Gefahr, Vergangenes nicht nur – wie es richtig und wichtig ist – dankbar in Erinnerung zu rufen und ins Licht zu stellen zur Ehre Gottes oder um sich und andere damit zu erfreuen, sondern Personen und Ereignisse im Rückblick zu mystifizieren, ja bisweilen zu glorifizieren. Damit erweisen wir ihnen allerdings keinen guten Dienst, weil sie dadurch nicht mehr in ihrer ganzen Realität wahrgenommen werden oder aber auf eine bestimmte vergangene Form ‚eingefroren‘ werden, die für das Heute und Morgen die ihr innenwohnende Lebendigkeit einbüßt. Umso gefährlicher ist dies, wenn es um Personen geht, die von Gott ein Charisma geschenkt bekommen haben, das ein Wirken des Heiligen Geistes ist, der nie rückwärtsgewandt ist, sondern stets im Hier und Jetzt am Werk sein möchte, der mit seiner lebendigen und lebensspendenden Kraft die Menschen, die Kirche, die Welt in Gott erneuern möchte.
Am 22. Januar 1920 ist der Welt mit Silvia Lubich (so ihr ursprünglicher Name) eine Person geschenkt worden, die von Gott das Charisma der Einheit geschenkt bekommen hat und dafür ihrerseits so empfänglich war, dass es in ihr und durch sie in vielen Menschen weltweit fruchtbar werden konnte. Eine kleine Frucht ist nicht zuletzt die Zeitschrift das prisma. Als kleines Präsent anlässlich des 100. Geburtstages von Chiara bieten wir in dieser Nummer Beiträge an, die einige Blitzlichter auf die Wirkungsgeschichte dieses Charismas vor allem im Bereich der Ordenschristen und der Priester aufzeigen.
Allein an der Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der Beiträge in der vorliegenden Nummer wird ersichtlich, wie reichhaltig und mannigfaltig Chiaras Leben und Denken geprägt hat. Es gibt kein Standardmodell von Leben und Denken gemäß dieser Spiritualität, wie es auch kein Einheitsmodell von Christsein gibt. Je nach eigener Biografie entfaltet sich Christsein in unverwechselbarer Weise. Gerade diese Buntheit und Verschiedenheit macht die Einheit erst lebendig und faszinierend. So sind auch diese Beiträge einmalige Zeugnisse der Wirkungen in der Geschichte, die Chiara Lubich als Werkzeug in der Hand Gottes geprägt hat.
Ohne die Artikel einzeln einführen zu wollen, darf ich eine sicherlich spannende und zum Teil – durch die persönlichen Erlebnisse und die existenzielle Betroffenheit der Autorinnen und Autoren bedingte – berührende Lektüre garantieren, die zudem wertvolle Denkanstöße für das eigene Leben wie auch für den uns anvertrauten Dienst bringt. Es wird etwas von der Tiefe und Weite, von der Sprengkraft und dem Erneuerungspotenzial offenbar, das Chiaras „Ideal der Einheit“, wie sie es selbst gerne nannte, innewohnt und das gerade für die Kirche und die Welt von heute eine Antwort auf drängende und z.T. bedrängende Fragen zu geben vermag. In den einzelnen Textbeiträgen wird Dankbarkeit spürbar gegenüber Gott und Chiara, aber ebenso Menschen gegenüber, die ihre Spiritualität überzeugend gelebt haben. Dabei werden auch kritische Rückfragen und manche Enttäuschungen nicht ausgeblendet, die es immer da gibt, wo Menschen mit ihren Grenzen leben und wirken und die auftreten, wenn aus Idealen Ideologien zu werden drohen und wenn aus charismatischen Aufbrüchen im Laufe der Zeit institutionalisierte Gruppierungen werden. Im Panorama der vorliegenden Beiträge gibt es reflektierte Rückblenden über gottgewirkte Entwicklungen wie auch das Zur-Sprache-Bringen von Nöten und vom Ringen der Kirche in unseren Tagen. Vielleicht löst der eine oder andere Beiträge Gespräche aus, in denen gemeinsam offen und ehrlich, profund und – im Suchen nach dem Willen Gottes geeint – nach Antworten Ausschau gehalten wird. Wenn das prisma – abgesehen von befruchtender persönlicher Lektüre – zusätzlich Dialog auslöst, zumal im Geist der gegenseitigen Liebe, die einen Kernpunkt der Spiritualität Chiaras darstellt, ist das nur wünschenswert und im Sinne des Grundanliegens.
Erinnerung
Erinnerung kann rein rückwärtsgewandt sein. Dann kann sie ruhig ausbleiben oder den Archivaren überlassen werden. Wenn wir sie aber im tiefen und ursprünglichen Sinn des Wortes leben, ist sie fruchtbar für die Gegenwart und wegweisend für die Zukunft. Ein Blick auf das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung macht dies rasch sichtbar, und zwar in mehreren Sprachen:
Im Englischen heißt das entsprechende Verb to remember. Es geht also darum, ein Ereignis, eine Person, ein Charisma sich wieder zu eigen zu machen, wieder Teil (member) davon zu werden, es sich einzuverleiben. Dann ist es heute und hier Teil meines Lebens, meines Denkens, Fühlens und Tuns. Dann wirkt es aktuell.
Im Italienischen heißt das Verb ricordare, das sich zusammensetzt aus ricor und dare. Es geht also darum, es wieder dem Herzen zu schenken, es wieder in sein Herz zu lassen, welches durch seinen Herzschlag das, was im Herzen ist, lebendig hält. So wird ein Charisma zum Lebensmotor im je gegenwärtigen Augenblick und Kontext.
Im Deutschen sagen wir Erinnerung und da steckt das Wort innen drinnen. Ein Charisma, eine Person wie Chiara Lubich, die Trägerin eines Charismas ist, wird wirksam und bringt die ihr innewohnenden Früchte hervor, wenn wir sie so verinnerlichen, dass sie unser Innerstes prägt, dass alles möglichst aus diesem Innersten gespeist werde.
In diesem Sinne möge dieses Prisma-Heft der Erinnerung dienen, die dem Charisma treu ist in einer Treue nicht nur zur Vergangenheit, sondern in einer Treue zur Gegenwart und zur Zukunft.

Stefan Ulz

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